Eine Corona-Impfung in Moskau zu bekommen ist ungefähr so einfach wie sich ein Brot zu kaufen – auf diese Formel hat es vergangene Woche Sergej Medwedew gebracht. Der Politologe fügte hinzu, dass der Impfstoff allerdings nur in Moskau so einfach zu bekommen sei; in den Regionen geht die „Massenimpfung“ mit Sputnik V dagegen nur langsam voran.
Bislang haben landesweit rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens ihre Erstimpfung erhalten. Dabei gehört Russland zu den am schlimmsten betroffenen Ländern der Welt und hat als erstes Land überhaupt einen Impfstoff für die breite Anwendung zugelassen.
Warum ist die Impfquote in Russland dann so niedrig, fragt der Journalist Maxim Trudoljubow auf Facebook.
Die Mehrheit der Russen (62 Prozent) will sich nicht gegen Covid impfen lassen, 64 Prozent denken, dass es sich bei diesem Virus um eine biologische Waffe handelt (was muss wohl bei denen im Kopf vorgehen, die das eine wie das andere denken?)
Gleichzeitig liegt Russland unbestritten an der Weltspitze, was die schnelle Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gegen Covid betrifft. Und es bildet die Weltspitze, was die Hilfe für andere Länder bei der Impfung betrifft: 39 Länder haben den russischen Impfstoff zugelassen, darunter zwei EU-Staaten, die nicht die EU-Zulassung abgewartet haben – Ungarn und die Slowakei.
Natürlich ist das ein Sieg. Die Frage ist: ein Sieg über wen? Die russische Propaganda hat sich selbst besiegt und die eigenen russischen Bürger. Die jahrelange Verbreitung von Verschwörungstheorien und diversem antiwissenschaftlichem Unsinn hat dazu geführt, dass sich in dem Land, das in der Impfstoffentwicklung an der Spitze steht, die Menschen vor Impfungen fürchten. Das führt zu Todesfällen, die zu vermeiden wären, und zur Isolation in der Weltgemeinschaft, denn das Tempo der Impfung ist wahrhaft ein Wettrennen. Die Länder mit der größten Impfquote werden füreinander die Grenzen öffnen.
In Russland ist die Impfquote niedrig. Hier führen Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Großbritannien das Feld an, aber mittlerweile auch die USA, wo es anfangs große Probleme gab. Dies sind Daten der Universität Oxford. Russland ist wohl das einzige Land auf der Welt, wo das Angebot an Impfstoff die Nachfrage übersteigt. Die PR-Kampagne sollte zur Anerkennung des russischen Erfolgs führen, und zwar weltweit. Doch betrachtet man die gigantischen Möglichkeiten der russischen Propagandamaschine – würde es sich dann nicht vielleicht lohnen, sie für die Anerkennung der Erfolge Russlands in Russland selbst einzusetzen?
Schon allein aus diesem Grund ist Propaganda nicht einfach nur eine Technologie, sondern eine Waffe, die wir gegen uns selbst richten.
P. S.: Und womit wurde eigentlich Putin geimpft, und warum haben sie es nicht gesagt? Das hätte doch die Impfkampagne vorangebracht. Wurde er gar nicht geimpft, ist er also ein Impfgegner? [Oder doch geimpft, mit – dek] Moderna, das als ein besonders gutes Mittel gilt, was man aber nicht laut sagen darf?
Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt, was Mascha Iwaschinzowa (1942 – 2000) zu Lebzeiten nicht für möglich gehalten hätte: Bewunderung und Anerkennung für ihre Momentaufnahmen, die hauptsächlich Sankt Petersburg zeigen. Zehntausende Menschen folgen ihren Schwarz-Weiß-Bildern bereits in den sozialen Netzwerken.
Schon fast symptomatisch für weibliches Schaffen unterschätzte sie ihre Fotografie chronisch, war davon überzeugt, dass sie von männlicher Konkurrenz überschattet würde. So blieb ihr Talent bis über ihren Tod im Jahr 2000 hinaus versteckt. Erst ihre Nachfahren entdeckten Iwaschinzowas Werke 2017 fein säuberlich geordnet, beschriftet und in Schachteln verpackt auf dem Dachboden ihres Hauses. Der Fund umfasst 30.000 Negative und Abzüge: Sie dokumentieren detailverliebt und charakterstark das Leben im Sankt Petersburg der 1960 bis 1990er Jahre.
Einige Stimmen vergleichen Iwaschinzowa mit der US-amerikanischen Amateurfotografin Vivian Maier, die ihre Aufnahmen ebenso – in der festen Überzeugung von der Banalität ihrer Kunst – bis zu ihrem Tod geheim hielt.
Iwaschinzowa führte ein – in der Sowjetunion unytpisch – beruflich unbeständiges Leben: Sie verdiente ihr Geld unter anderem als Lichttechnikerin, Theaterkritikerin, Bibliothekarin, Sicherheitsbeamtin und Konstrukteurin. Die Konstante in ihrem Leben war die Fotografie, der sie bis kurz vor ihrem Tod treu blieb.
Iwaschinzowa hatte einen besonderen Blick für das Alltägliche. Sie nahm Momente auf: mürrische Schuljungen, neugierige Katzen, gedankenverlorene Passanten, Sankt Petersburger Hinterhöfe und gesellige Szenen aus sowjetischen Wohnküchen. Viele ihrer Fotos – gerade auch die Stilleben – bestechen durch eine ungewöhnlich moderne Bildsprache.
Der heroische Arbeiter, die glückliche Familie, im Hintergrund moderne Architektur – die sowjetische Zensur versuchte ein Idealbild in der Fotografie zu etablieren. Iwaschinzowa entgegnete dieser Utopie mit ihren Aufnahmen. Sie fokussierte ebenso die fehlerhaften und schwermütigen Seiten des Lebens in der UdSSR. Iwaschinzowa selbst musste lange Zeit in einer psychiatrischen Klinik verbringen, weil sie ihr zugewiesene Berufe ablehnte.
Ein immer wiederkehrendes Motiv auf Iwaschinzowas Bildern sind Hunde, aber auch Katzen, Vögel, Pferde und Affen. Während die Fotografin eher auf Distanz zu ihren Mitmenschen blieb, habe sie Gesellschaft von Tieren sehr geschätzt, berichten Tochter Assja und Schwiegersohn Jegor.
Der inhaftierte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny soll seine rund zweieinhalbjährige Haftstrafe laut Medienberichten in der „Besserungskolonie Nummer 2“ (IK-2) der Strafvollzugsbehörde von Wladimir absitzen. Auf Papier sind die Haftbedingungen dieser Anstalt „mit allgemeinem Strafvollzug“ weniger hart als in anderen Lagern. Anwälte von Insassen beschreiben IK-2 jedoch als ein Straflager, das auf die „totale Vernichtung des Menschen“ ausgelegt sei.
Dass die Wahl gerade auf diese Haftanstalt rund 100 Kilometer östlich von Moskau fiel – das bewertet Kirill Rogow als persönliche Rache des russischen Präsidenten. In seinem Blog auf Echo Moskwy schreibt der Politologe, dass Nawalnys Verlegung in die berüchtigte „Folterkolonie“ nicht nur deshalb möglich war, weil es im Land keinen breiten Protest gegen die Verurteilung gab. „Es war auch das Ergebnis der diplomatisch beschämenden Mission von Josep Borrell und der EU als Ganzes.“
Die EU wendet voraussichtlich heute erstmals ihr neues Sanktionsregime für Menschenrechte an. Dabei sollen einzelne Silowiki wegen Vorgehens gegen Nawalny mit Vermögenssperren und Einreiseverboten bestraft werden. Ähnlich wie Rogow kritisieren einige Liberale und Oppositionelle die neuen EU-Sanktionen als zahnlos. Fjodor Krascheninnikow – der gemeinsam mit Nawalnys Wahlkampfleiter Leonid Wolkow ein Buch geschrieben hat – sieht das etwas anders: Auf Republic erklärt der Politologe die grundsätzliche Logik von Sanktionen und deren (ambivalente) Folgen.
Die Bekanntgabe des EU-Sanktionspakets hat für große Enttäuschung unter den Regimekritikern gesorgt. Diese hatten sich selbst erfolgreich davon überzeugt, es könne westliche Sanktionen geben, die alle Probleme Russlands auf einen Schlag lösen. Und die außerdem Wladimir Wladimirowitsch, wenn schon nicht zum Weinen und zum Rücktritt, dann doch zumindest zur Freilassung Alexej Anatoljewitsch Nawalnys bringen würden und außerdem dazu, mit den ganzen Repressionen aufzuhören.
Keine Frage, die europäischen Sanktionen hätten deutlich schärfer ausfallen und einen größeren Kreis von Personen treffen können, die an der Tyrannei beteiligt sind. Aber ist das Ergebnis wirklich so schlecht? Oder steckt hinter den zaghaften Sanktionen vielleicht doch mehr als nur die Feigheit europäischer Politiker?
Die Sanktionen – aus den unterschiedlichen Gräben heraus betrachtet
Die Sichtweise, die sich wohl am leichtesten nachvollziehen lässt, ist die der russischen Bürger, die mit dem gegenwärtigen Putin-Regime nicht einverstanden sind.
Für sie wird immer deutlicher, dass Sanktionen nur sinnvoll sind, wenn sie sich gegen konkrete Personen richten, die vom bestehenden System profitieren – am besten gegen diejenigen, die dem unabsetzbaren Leader besonders nahestehen. Denn die „sektoralen Sanktionen“ treffen die russische Wirtschaft. Den daraus resultierenden Schaden gibt die gegenwärtige Elite gekonnt an die einfachen Bürger weiter: Sie sind es, die leiden, während die Eliten ihre Verluste kompensieren, das sollte jedem klar sein. Auch ein Aus der unseligen Pipeline Nord Stream 2 wäre schlimmstenfalls eine psychologische Niederlage und würde niemandem aus Putins Umfeld tatsächlich das Leben schwer machen; und falls doch, finden sich für die Geschädigten andere oder gänzlich neue lukrative Projekte.
Ein Aus der unseligen Pipeline Nord Stream 2 wäre schlimmstenfalls eine psychologische Niederlage
Manche meinen immer noch, dass eine allmähliche Verschlechterung des Lebensstandards die Bürger zu der Einsicht bringt, dass sich politisch etwas ändern muss. Diese Theorie mag überzeugend klingen, erweist sich bei näherer Betrachtung allerdings als eine Abwandlung der berühmten Theorie vom Kühlschrank, der den Fernseher besiegt.
Zeit, sich von ihr zu verabschieden.
Erstens: Nichts ist gut an der Vorstellung, dass es allen zunehmend schlechter geht. Die Propaganda lässt sich die Wortfolge „Sanktionen gegen Russland“ nicht umsonst auf der Zunge zergehen, und erklärt damit, wer da genau Russland und jedem seiner Bürger schadet. Man muss schon sehr fanatisch oder zynisch sein, um allen, einschließlich sich selbst, den Abstieg in die Armut zu wünschen. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass Putin nicht ewig ist. Wenn die Wirtschaft bei seinem Abgang am Boden liegt, schadet das weniger ihm als uns – und zwar für viele Jahre.
Nichts ist gut an der Vorstellung, dass es allen zunehmend schlechter geht
Zweitens: Wenn sich der Lebensstandard zunehmend verschlechtert, beschleunigt das nicht den Anstieg der oppositionellen Gesinnung. Die Menschen würden sich vielmehr an die neuen Lebensumstände gewöhnen und nur immer mehr Kraft darauf verwenden, ihre alltäglichen und finanziellen Sorgen zu bewältigen. Folglich bliebe für politische Aktivität wenig Zeit, und auch die Risikobereitschaft würde nicht gerade größer.
Außerdem: Je ärmer der Durchschnittsbürger, desto weniger bedarf es, um ihn mit Almosen zu kaufen oder mit einem Jobverlust einzuschüchtern, sollte er an Protesten teilnehmen oder sich anderweitig ungebührlich verhalten.
Wenn Wirtschaftssanktionen also eine schnelle und sichtbare Wirkung haben sollen, müssen sie extrem hart sein.
Was könnte das sein? Außer dem Ausschluss aus dem SWIFT-System fällt einem wenig ein. Die Folge wäre eine Zerstörung oder zumindest eine schwerwiegende Schädigung des Bankensystems. Diese Maßnahme ist derzeit kaum denkbar – und das ist auch gut so.
Die Sichtweise des Westens
Wie sehen die westlichen Staats- und Regierungschefs die Situation, und warum sind sie, gelinde gesagt, so vorsichtig?
Erstens: Sie möchten sich nicht selbst schaden. Die konfrontative Rhetorik der russischen Regierung, die in letzter Zeit immer häufiger erklingt, hat eine ziemlich klare Botschaft: Als Krieg betrachtet der Kreml nicht nur die gute alte Überschreitung einer territorialen Grenze durch eine feindliche Armee, sondern alles, was erheblichen Schaden anrichtet. Das kann man natürlich für einen Bluff halten, aber wer möchte schon das Risiko auf sich nehmen, sich in solch heiklen Fragen zu irren? Jeder Staats- und Regierungschef eines demokratischen Landes ist sich darüber im Klaren, dass er keinen Dank ernten wird, wenn seine wirtschaftspolitische Entscheidung zu einem militärischen Konflikt mit Russland führt, noch dazu ist völlig unklar, wie das alles ausgehen würde. Der Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-System könnte im Kreml durchaus als eine solche Kriegshandlung gedeutet werden, mit allen erwartbaren Konsequenzen. Genau darauf spielt der Kreml unentwegt an. Und genau deswegen wird es in nächster Zukunft auch keinen Ausschluss geben.
Als Krieg betrachtet der Kreml alles, was erheblichen Schaden anrichtet
Zweitens: In der Vorstellung von westlichen Staats- und Regierungschefs sieht die Welt ganz anders aus, als wir oder unsere Regierung sie sehen. Ihnen fällt es schwer, zu glauben, dass ein Regierungschef im 21. Jahrhundert sein Land in die Armut und Isolation treiben könnte, nur um seine Macht zu erhalten. Einfacher ist es, sich tröstende Theorien auszudenken, dass alles nicht so schlimm sei oder man im Kreml schon zur Vernunft kommen und sagen werde, dass das alles nur ein Witz gewesen sei, oder dass die Sache sich irgendwie von allein klärt. Sich selbst erheblich zu schaden, nur um jemand anderen zu verärgern – das ist im Westen kein gängiges Verhaltensmuster. Genau das tut die russische Regierung aber und dies hat obendrein einen demoralisierenden Effekt: Was sollen Sanktionen bringen, wenn eine Regierung den eigenen Bürgern mit Gegensanktionen sogar mehr schadet?
In der Vorstellung von westlichen Staats- und Regierungschefs sieht die Welt ganz anders aus, als wir oder unsere Regierung sie sehen
Drittens: Die in westlicher Rechtstradition erzogenen Staats- und Regierungschefs Europas und der USA können nicht so einfach zustimmen, dass Milliardäre aus dem Umkreis des russischen Präsidenten oder gar ihre Familienmitglieder mit Sanktionen belegt werden, nur weil sie Putin nahestehen. Denn das gilt es juristisch erst einmal nachzuweisen.
Und leider ist das auch richtig so: Denn heute wird einer wegen einer vermeintlichen Nähe zu Putin mit Sanktionen belegt, morgen ein weiterer, weil er irgendjemand anderem nahesteht – ohne Beweise im westlichen Sinne des Wortes. Das kann ziemlich ausufern, dieses Kapitel hat Europa bereits hinter sich und möchte es nicht wiederholen. Man braucht also Beweise, und die wird es früher oder später zweifellos geben.
Viertens: Es kann durchaus sein, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs die verhängten Sanktionen als hart empfinden. Um den Unterschied in der Herangehensweise zu verstehen, sollten wir uns ein Beispiel aus einem anderen Bereich ansehen: Aus Sicht eines Durchschnittsrussen verbüßt der Massenmörder Breivik seine Gefängnisstrafe unter so komfortablen Bedingungen, dass so mancher unserer Landsleute gar nicht versteht, worin denn eigentlich die Strafe liegt. In Norwegen dagegen, und nicht nur dort, sieht man den Sinn einer Gefängnisstrafe nicht in der täglichen Demütigung – durch schlechte Lebensbedingungen oder durch die Schikane der Wärter und Mitinsassen –, sondern im Freiheitsentzug und der Isolation von der Gesellschaft. Aus Sicht der norwegischen Gesellschaft wurde Breivik also hart bestraft: Ihm wurde die Freiheit entzogen.
Es kann durchaus sein, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs die verhängten Sanktionen als hart empfinden
Genauso ist es mit den Sanktionen: Aus ihrer Sicht haben die europäischen Politiker etwas sehr Gravierendes getan. Genauso wie unsere Regierung und Propaganda davon ausgeht, dass es im Rest der Welt ungefähr so zugeht wie in Russland, nur dass alle anderen mehr heucheln, so geht man auch in Europa naiverweise davon aus, dass Russland in etwa wie ein gewöhnliches europäisches Land ist, nur dass es merkwürdigerweise „in Richtung Autoritarismus driftet“, wie Josep Borell es ausdrückte. Man kann ihn und viele andere verstehen: Es fällt ihnen schon schwer einzuräumen, dass Russland in den 2020er Jahren „in Richtung Autoritarismus driftet“, wie sollen sie da akzeptieren, dass wir den Autoritarismus längst hinter uns gelassen haben und rasend schnell auf ganz andere „ismen“ zusteuern?
Die Sichtweise des Kreml
Die Bekanntgabe von personenbezogenen Sanktionen gegen einige Silowiki beunruhigt wohl kaum jemanden im Kreml.
In Europa mag ein Justizminister oder Chef des Sicherheitsdienstes in erster Linie eine souveräne Person mit einem Privatleben und eigenen Interessen sein. In Russland aber sind das austauschbare Beamte, deren Hauptqualifikation in ihrem Gehorsam gegenüber der Obrigkeit besteht. Menschen, die sich weigern könnten, eine Anordnung von oben auszuführen oder bei der leisesten Andeutung, ihren Ruf und ihre Zukunft zu opfern, gibt es im russischen Beamtentum gar nicht: Sie wurden schon auf den untersten Stufen der Karriereleiter ausgesiebt.
Fraglich ist auch, ob die Silowiki, die mit den Sanktionen belegt wurden, überhaupt noch Konten oder Immobilien in Europa haben – ich vermute, nein. Aber selbst wenn sie solche verlieren sollten, würde der Schaden zweifelsohne kompensiert – aus dem Staatsbudget versteht sich, also auf Ihre und auf meine Kosten.
Bedeutet das, dass man im Kreml unbesorgt ist und tatsächlich findet, es sei alles halb so wild? Ungeachtet der zur Schau getragenen Prahlerei wird man wohl anerkennen müssen, dass die verhängten Sanktionen für Putin und sein Umfeld durchaus unangenehm werden dürften – weniger durch ihre aktuellen, als durch langfristige und fundamentale Konsequenzen.
Man muss wohl anerkennen, dass die verhängten Sanktionen für Putin und sein Umfeld durchaus unangenehm werden dürften
Erstens: Es kann ihnen nicht gleichgültig sein, dass die russische Opposition zu einem eigenständigen Akteur auf der internationalen Bühne avanciert ist. Noch nie hat jemand so vehement und wirkungsvoll das Recht Putins und der offiziellen Regierungsvertreter infrage gestellt, Russland im Ausland zu repräsentieren. Nicht nur, dass das Schicksal eines russischen Oppositionsführers zu einem festen Punkt auf der Tagesordnung westlicher Politiker geworden ist, seine Mitstreiter sind auch noch unmittelbar an der Gestaltung der europäischen Sanktionspolitik beteiligt. Wir alle beobachten eine verblüffende Situation: Nawalnys Mitstreiter treffen sich in Brüssel mit den führenden europäischen Diplomaten, während der russische Außenminister und seine Sprecherin offenbar zu innenpolitischen Propagandisten umgeschult wurden, keinen besonders guten obendrein.
Zweitens ist das derzeit nur die erste Anwendung des neuen Sanktionsmechanismus, der von der EU entwickelt und beschlossen wurde, um bei Menschenrechtsverstößen gegen die Verantwortlichen vorzugehen. Einmal in Gang gesetzt, wird dieser Mechanismus nun permanent wirken. Angesichts dessen, wie unserer Regierung mit Menschenrechten umgeht, ist eine Erweiterung der Sanktionsliste also nur eine Frage der Zeit. Weitere gezielte Bemühungen der Opposition sowie ihre Zusammenarbeit mit der europäischen politischen Gemeinschaft und Expertenkommissionen dürften im Kreml Unbehagen verursachen.
Früher oder später werden die Sanktionen also unweigerlich sowohl Einzelpersonen als auch breitere Personengruppen treffen, die vom gegenwärtigen Regime profitieren – genau wie Nawalny es ursprünglich gefordert hat.
Doch ganz gleich, ob sich die westlichen Sanktionen gegen Einzelpersonen oder gegen einen bestimmten Wirtschaftssektor richten, sie allein werden nichts ändern. Das sollten wir nicht vergessen. Im besten Fall können sie als eine äußere Ergänzung wirken zu dem Druck von innen, den wir, die russischen Bürger, auf das politische System ausüben.
Anne Frank, die Bahnwaggons, in denen Juden deportiert wurden, oder Auschwitz: Es sind vor allem Erinnerungsikonen der Verfolgung und Vernichtung in Westeuropa und im deutsch besetzten Polen, die bis heute die populäre Wahrnehmung des Holocaust prägen.
Dagegen sind die hundertausendfachen Morde an Jüdinnen und Juden auf den von Deutschland und seinen Verbündeten besetzten Gebieten der Sowjetunion weit weniger bekannt. Sie wurden meist auf freiem Feld begangen und haben in der weltweiten Wahrnehmung des Holocaust bislang noch keinen festen Platz gefunden – außerhalb der historischen Forschung wird der Holocaust nach wie vor vor allem den mit Ghettos und Lagern assoziiert, in denen die Juden Westeuropas und Polens umgebracht wurden. Auch im allgemeinen Geschichtsbewusstsein Deutschlands und Russlands ist der Mord an den Juden auf dem Gebiet der Sowjetunion und den von ihr annektierten Gebieten bis heute kaum präsent.
Warum ist das so? Was charakterisierte die Massenmorde an den ostpolnischen und sowjetischen Juden überhaupt und wer fiel ihnen zum Opfer? Wer waren die Täter? Wie wurde in der Sowjetunion der Mord an den Juden aus dem Baltikum, der Ukraine, aus Belarus, Moldawien und Russland thematisiert? Und welche Rolle spielt die Erinnerung an den Holocaust im heutigen Russland?
Diesen und anderen Fragen widmet sich das zweisprachige dekoder-Dossier, das Beiträge russischer und deutscher Wissenschaftler:innen und Journalist:innen versammelt: Texte zum Holocaust auf den von Deutschland besetzten Gebieten der Sowjetunion sowie Texte zur Holocausterinnerung in Deutschland und Russland.
Polizeiknüppel, Festnahmen und „präventive Hausbesuche“: Journalistinnen und Journalisten, die von den Protesten Ende Januar berichteten, wurden in ihrer Arbeit massiv eingeschränkt, wie Reporter ohne Grenzen berichtet. Die Organisation zählte 55 Festnahmen allein am 23. Januar, eine Woche später gab es 104 Fälle, in denen Medienschaffende in ihrer Arbeit behindert wurden, außerdem 16 sogenannter „präventiver Hausbesuche“ bei JournalistInnen durch die Polizei. Viel Aufmerksamkeit bekam die Verhaftung von Mediazona-Chefredakteur Sergej Smirnow, nach den Protesten am 23. Januar. Wegen eines Retweets bekam er 25 Tage Haft, die schließlich auf 15 Tage reduziert wurden. Bei der Flashmob-Aktion am 14. Februar Liebe ist stärker als Angst wurde die Seite von Spektr durch die Medienaufsichtsbehörde blockiert, zahlreiche Medien wurden aufgefordert, Beiträge zu löschen, auch Meduza musste einen Artikel zur staatlichen Reaktion auf die Proteste von der Seite nehmen.
Auf Wonderzine berichten Journalistinnen unabhängiger russischer Medien davon, wie es für sie ist von Gerichtsverhandlungen und Protesten zu berichten, immer mal einen Polizeiknüppel abzubekommen, auch mit Festnahmen rechnen zu müssen – und warum sie diese Arbeit trotzdem tun. Hier erzählen vier Mitarbeiterinnen von Doshd, Mediazona, The Village und Meduza – Medien, aus denen auch dekoder immer wieder übersetzt.
Bevor ich im Frühjahr 2019 bei Meduza anfing, habe ich hin und wieder von Protestaktionen berichtet. Aber die waren selten und relativ klein. Im Juni 2019 nahmen sie meinen Kollegen Iwan Golunow fest und schoben ihm Drogen unter. Dann gingen die Proteste zu seiner Unterstützung los, ich war bei allen dabei. Trotz des Grauens der Situation habe ich gemerkt, dass ich gerne Proteste beleuchte. Endgültig überzeugt war ich, als die Menschen ab Juli 2019 auf die Straßen gingen, um gegen den Ausschluss unabhängiger Kandidaten von den Wahlen zur Moskauer Stadtduma zu protestieren.
Es ist keine einfache, aber eine sehr interessante Arbeit: Du musst gleichzeitig die Ereignisse im Blick behalten, deinen Kollegen Bericht erstatten, filmen und dabei auch noch zusehen, dass du keine Knüppel abbekommst. Ich bereite mich auf jede Aktion vor wie auf eine Wanderung. Man darf nichts vergessen: Pass und Presseausweis (jetzt auch noch die Presseweste), Ladekabel und Powerbank fürs Handy, Wasser und Proviant (die Aktion kann den ganzen Tag dauern, und für Supermarkt- oder Café-Besuche gibt es meistens keine Gelegenheit). Und das Wichtigste: bequeme Schuhe und Kleidung. Irgendwann hatte ich sogar spezielle Demo-Outfits – für warmes, regnerisches und kaltes Wetter.
Als ich zum ersten Mal sah, wie die Silowiki auf friedliche Demonstranten einprügeln, bekam ich Angst und rannte weg. Aber dann ging ich sofort zurück und begann, alles zu filmen. Seitdem scheint die Angst weg zu sein, nur meine Hände zittern manchmal. In dem Moment selbst abstrahiere ich vom Geschehen und konzentriere mich ganz auf meine Arbeit. Hilfreich ist auch, dass immer andere Journalisten in der Nähe sind, die bereit sind zu helfen. Das ist in solchen Momenten besonders wichtig.
In dem Moment schien alles möglich. Doch zwei Tage später begannen die Moskauer Prozesse
Am besten erinnere ich mich an die Protestaktion am 27. Juli 2019. Es waren sehr viele Demonstranten. Brutale Festnahmen leider auch. Aber trotz allem haben die Menschen – aller Altersstufen, gut gelaunt, friedlich – die ganze Stadt angefüllt. In dem Moment schien alles möglich. Doch zwei Tage später begannen die Moskauer Prozesse, die mit der Verurteilung von 22 Teilnehmern der Proteste im Sommer endeten.
Ich habe das Gefühl, dass bei den Protesten sehr unterschiedliche Mitarbeiter der Sicherheitskräfte unterwegs sind. Es gibt die, denen die Gewalt gegen wehrlose Menschen sichtlich kein Vergnügen bereitet. Und dann gibt es solche, von denen ich das nicht behaupten kann. Auch der Umgang mit den Journalisten ist unterschiedlich. Ich habe alles erlebt, von Gleichgültigkeit bis hin zu Verständnis für unsere Arbeit, Genervtheit, unangebrachte Komplimente. Bis vor Kurzem dachte ich, ich könnte nur aus Versehen etwas abbekommen. Aber bei der Aktion am 23. Januar hat mich ein Polizist gezielt zwei Mal mit voller Wucht mit seinem Knüppel geschlagen – ich habe in dem Moment gefilmt, wie andere Beamte einen jungen Mann in den Schnee warfen und auf ihn einprügelten. Ich habe Anzeige erstattet, mit der Forderung, dass der Polizeibeamte zur Rechenschaft gezogen wird, aber ich glaube kaum, dass es dazu kommt. Gegen Demonstranten werden schnell Strafverfahren eingeleitet – nach drei Aktionen in diesem Jahr sind es schon fast 50 – Bußgeldverfahren zehn Mal mehr. Bei den Sicherheitskräften sieht das anders aus.
Wie man in dieser Situation nicht verzweifeln soll, weiß ich nicht
Ich war im Gerichtssaal dabei, als Nawalnys Bewährungsstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt wurde. Dieses Urteil hat viele erstaunt, ihnen das Gefühl von Hilf- und Schutzlosigkeit gegeben. Für mich war das diesbezüglich nichts Neues. Auf die Proteste in Russland folgen immer Gerichtsprozesse – wenn man an politischen Prozessen teilnimmt, gewöhnt man sich an die Absurdität und die Voreingenommenheit. Und auch an den Gedanken, dass auf dem Platz des Angeklagten jeder sitzen könnte, inklusive du selbst. Wie man in dieser Situation nicht verzweifeln soll, weiß ich nicht. Manchmal gelingt es mir, manchmal nicht besonders. Was hilft, sind Freunde und Familie, mein Kater, Humor, gute Bücher, Zeichentrickfilme, Schwimmen und alles, was Gelegenheit gibt, wenigstens für eine Stunde in einem Umfeld zu sein, wo sich niemand für die Nachrichten interessiert.
„Entweder muss man aufgeben oder weitermachen, trotz Angst“
Ich bin schon fast seit sieben Jahren bei Doshd. Zuerst als Gerichtsreporterin, da habe ich mehrere Jahre von prominenten Prozessen berichtet: gegen BORN (Kampforganisation russischer Nationalisten – Anm. d. R.), von den Bolotnaja-Prozessen, Kirowles-2, Sawtschenko, Senzow. Ich habe Reportagen gedreht, wie von der Polizei Drogen untergeschoben und Fälle fingiert werden. Jetzt mache ich gemeinsam mit Kollegen das Wochenmagazin Fake News über die Lügen und die Propaganda der Staatsmedien, das mache ich schon seit zweieinhalb Jahren. Und seit letztem Jahr kamen verstärkt Sondersendungen hinzu. Erst zu Corona, dann war ich zweieinhalb Wochen in Chabarowsk, danach bin ich nach Belarus gefahren und bin acht Wochen dort geblieben. Und jetzt die Proteste in Russland.
Als Alexej Nawalny nach Moskau zurückgeflogen ist, hatte ich frei: Eine gute Freundin hatte mir zum Geburtstag eine Reise nach Sotschi geschenkt, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Das hat nicht wirklich funktioniert: Am Sonntag, den 17. Januar, habe ich den ganzen Tag die Live-Übertragung [der russischen Proteste – dek] auf Doshd verfolgt. Am 23. war ich wieder in Moskau, am 31. in Petersburg. Am überraschendsten war für mich, dass die Menschen so lange ausgeharrt haben, trotz der brutalen Festnahmen. Zwei Szenen haben sich mir besonders eingebrannt. Erstens: Als die Silowiki vor dem Gebäude der Gesetzgebenden Versammlung [an der Isaakskathedrale – dek] in Sankt Petersburg anfingen, die Knüppel gegen ihre Schutzschilder zu schlagen, um den Protestierenden Angst einzujagen und die Kolonne zu verdrängen, aber die Menschen nur zugeschaut und applaudiert haben, ohne jede Angst. Und zweitens: das nicht enden wollende Meer von Menschen auf der Gorochowaja Straße.
Einer der schwierigsten und längsten Tage der letzten Zeit war der 2. Februar – der Tag, an dem Nawalnys Bewährungsstrafe in eine Haftstrafe umgewandelt wurde. Ich habe fünfzehn Stunden lang gearbeitet, erst am Gerichtsgebäude und dann bis in die Nacht bei den Aktionen im Moskauer Zentrum. Ich glaube, ich habe noch nie ein solches Aufgebot an Sicherheitskräften in Moskau gesehen. In der Dmitrowski Gasse sahen wir eine relativ kleine Kolonne von Demonstranten, die von der Petrowka Straße kamen, eine Kolonne von Sicherheitskräften bewegte sich ihnen entgegen. Die Demonstranten drückten sich gegen eine Wand, streckten die Hände nach oben und riefen: „Wir sind unbewaffnet!“ Daraufhin fingen die Silowiki an, mit ihren Knüppeln auf sie einzuprügeln. Danach führten sie die Demonstrierenden einen nach dem anderen in die Gefangenentransporter. So haben sie drei oder vier Wagen rappelvoll gemacht.
Während der Arbeit ist man nicht so emotional, man hat keine Zeit das Gesehene zu verarbeiten, aber später holt es dich ein wie eine Welle
Man vergleicht gerade gerne das Vorgehen der russischen Silowiki mit dem der belarussischen. Vor dem 2. Februar war ich der Meinung, dass die jüngsten Festnahmen nicht mit dem Grad der Gewalt in Belarus zu vergleichen sind, aber diese Szene auf der Dmitrowski Gasse hat etwas getriggert: Sie hat mich an das erinnert, was ich in Minsk gesehen habe. Ich muss sagen, es fällt mir immer noch schwer, mir diese Episode aus unserer Live-Sendung anzusehen. Während der Arbeit ist man nicht so emotional, man hat keine Zeit das Gesehene zu verarbeiten, aber später holt es dich ein wie eine Welle. So war es hier.
Vor den Protesten in Belarus habe ich noch nie eine solche Solidarität, eine solche Einigkeit erlebt. Und leider auch nicht ein solches Ausmaß von Gewalt. Zehntausende sind in den ersten Tagen nach der Wahl auf die Straße gegangen, entgegen ihrer Angst und der Grausamkeit. An einem Tag siehst du, wie die Silowiki die Fensterfront eines Cafés einschlagen, weil sich die Demonstranten dort drin vor den Knüppeln versteckt halten. Das ist furchtbar. Und am nächsten Tag stehen Hunderte von Menschen stundenlang im Regen vor diesem Café, um die Besitzer zu unterstützen, die Schaden erlitten haben, weil sie helfen wollen. Diese Solidarität als Antwort auf die Gewalt ist unglaublich. So etwas habe ich noch nie gesehen.
Festgenommen wurde ich noch nie. Vielleicht, weil ich das Klischee kleines Mädchen mit Mikrofon erfülle
Ich wurde während der Arbeit noch nie ernsthaft verletzt, und daran, dass sie dich mit Hilfe von Knüppeln wegdrängen oder gegen das Handy schlagen, habe ich mich gewöhnt. Wenn die Silowiki, wie sie selbst sagen, „arbeiten“, ist es ihnen mittlerweile egal, wer da vor ihnen steht: Journalisten oder Demonstrierende. Aber festgenommen wurde ich noch nie. Vielleicht, weil ich das Klischee kleines Mädchen mit Mikrofon erfülle. Vielleicht habe ich auch einfach nur Glück gehabt: Viele meiner Kollegen waren schon im Awtosak, davor ist niemand sicher. Ich weiß noch, wie mein Kollege Wladimir Romenski während der Proteste gegen den Ausschluss unabhängiger Kandidaten von den Wahlen zur Moskauer Stadtduma 2019 über einen der Kollegen witzelte: „Professionelle Journalisten werden nicht festgenommen“. Bei der nächsten Aktion wurde Romenski selbst festgenommen, trotz Mikrofon, Presseausweis und redaktionellem Auftrag. Seitdem machen wir solche Witze nicht mehr.
Jetzt hat sich die Situation natürlich verändert. Journalisten bekommen zu Hause Besuch von Polizeibeamten aus dem Bezirk, die sie über die Risiken aufklären, an Protestaktionen teilzunehmen. Dabei nehmen die Journalisten ja nicht teil, sondern sie berichten darüber. Früher hat man Journalisten bei Protesten festgehalten und nach Überprüfung der Papiere im Awtosak wieder gehen lassen, jetzt bringt man sie meistens aufs Revier und hält sie dort stundenlang fest. Das ist eine sehr schlechte Tendenz. Ich habe das in Belarus beobachtet – verzeihen Sie, wenn ich wieder diesen Vergleich ziehe. Da wurden am Anfang auch nur „die Papiere überprüft“, aber jetzt sind ein paar Tage Haft an der Tagesordnung. Ich fürchte, wir bewegen uns in dieselbe Richtung. Nehmen wir allein die Verhaftung von Sergej Smirnow, dem Chefredakteur von Mediazona: Was ihm zur Last gelegt wird, ist so absurd, dass das ganz offensichtlich nur ein Vorwand ist und der Grund ein ganz anderer.
Aber es ist meine Arbeit, ich könnte gar nicht anders. Entweder muss man den Journalismus ganz aufgeben oder weitermachen, trotz Angst.
„Ein Polizist hat mich angebrüllt: ,Hau ab hier!’“
Ich bin seit 2014 bei Mediazona, von Anfang an. Damals war unser Team sehr klein. Heute sind wir viel mehr, es gibt eine richtig große Redaktion, etwas über dreißig Leute. Ich bin verantwortlich für den technischen Part: Development, Fundraising, Partner Relations. Soweit möglich und nötig – leider seltener, als ich gerne würde – bin ich bei Protestaktionen im Einsatz.
Als Nawalny nach Moskau zurückgekehrt ist, habe ich in Wnukowo gearbeitet, wo das Flugzeug, wie wir wissen, nie gelandet ist. Damals hat mich das Ausmaß der Maßnahmen überrascht, die von Polizei und Flughafenleitung ergriffen wurden: Sie haben buchstäblich die Arbeit einer ganzen Etage zum Stillstand gebracht. Ticketkontrolle am Eingang, Sperrung des grünen Ausgangs, der Rolltreppen und Treppen, nicht einmal zur Toilette kam man ohne Weiteres. Sehr überraschend war auch die Festnahme von Ruslan Schaweddinow und Ljubow Sobol im Flughafen-Café. Wozu? Was wollten sie damit erreichen? Was haben sie erreicht?
Am 23. Januar habe ich auf dem Puschkin Platz gearbeitet. Polizei und OMON fingen schon vor dem Beginn der Aktion an, Leute festzunehmen. Gegen ein Uhr Mittags liefen die Ordnungshüter in Gruppen über den fast menschenleeren Platz, auf dem außer ihnen fast ausschließlich Journalisten waren. Sie nahmen Menschen fest, die auf Bänken saßen oder irgendwo in der Ecke standen. Absolut zufällige Passanten, die ihnen unter die Augen kamen. Das alles geschah in völliger Stille: Niemand skandierte irgendwelche Losungen. Da bemerkte ich, dass drei Meter entfernt von der Stelle, wo Demonstranten verprügelt werden, Polizeimitarbeiterinnen medizinische Masken verteilten. Etwas weiter hatten sie wohl eine Feldküche aufgebaut, wo Tee verteilt wurde, doch so weit bin ich nicht vorgestoßen. Schon klar, wozu das gut ist: Das präsentieren sie uns in den Beiträgen der staatlichen Fernsehsender.
Sie nahmen Menschen fest, die auf Bänken saßen oder Ecken herumstanden – zufällige Passanten, die ihnen unter die Augen kamen
In letzter Zeit haben sich die Regeln der Berichterstattung bei Protestaktionen verändert. Vor dem 31. Januar habe ich nie eine Weste oder meinen Presseausweis um den Hals getragen. Ich bin nie bei einer Aktion festgehalten worden. Aber jetzt, wo die Polizei unterschiedslos alle einsackt, die ihnen unter die Finger kommen, macht es Sinn, eine Weste [mit der Aufschrift Presse – dek] zu tragen. Ich hatte bisher Glück: Ich wurde nie gezielt geschlagen, habe nur zufällig mal einen Knüppel abgekriegt. Doch an dem Tag hat mich ein Polizist sehr hart weggestoßen und angebrüllt, so was wie: „Hau ab hier“.
Am meisten mag ich an meiner Arbeit unser gemütliches Kollektiv. Wir haben keine riesigen Abteilungen, alle wissen, was in der Redaktion passiert. Was die Arbeit als Reporterin angeht, schätze ich daran vor allem die Möglichkeit, bedeutsame Ereignisse mit eigenen Augen zu sehen. Die Atmosphäre live mitzuerleben.
Aljona Dergatschjowa Sonderkorrespondentin The Village
„Ich halte es für meine Pflicht zu berichten“
Für The Village arbeite ich jetzt seit etwas über zwei Jahren, es ist meine erste Stelle. Am Anfang war ich Nachrichtenredakteurin, jetzt – Korrespondentin.
Bei den Protesten war ich einfach dabei, habe beobachtet, mit den Menschen gesprochen und Fotos gemacht, habe meinen Kollegen die Situation beschrieben, ihnen die Bilder geschickt. Am 23. Januar war ich schon früh auf dem Puschkin Platz, ein paar Stunden vor Beginn der Aktion, aber die Festnahmen gingen schon los, die Leute wurden einfach vom Platz abgeführt.
Als sich Nawalnys Unterstützer versammelt hatten, brach der Internetempfang komplett weg. Die Demonstration war riesig, man kam kaum durch, und ich kämpfte mich dauernd durch die Menge, um irgendeine Szene zu filmen und dann fast einen Kilometer weit zu rennen, um ein bisschen Internet zu bekommen. So war es an der Ecke Strastnoi [Boulevard] und [Bolschaja] Dmitrowka: Ich filmte Rauchgranaten und Demonstrierende, die mit einem OMON-Helm Fußball spielten, und musste dann bis zum Petrowski Boulevard rennen, um das Ganze an die Redaktion zu schicken. Genau dort, am Petrowski Boulevard, ist auf einmal Panik ausgebrochen, und ich musste mit allen zusammen in eine Seitenstraße rennen und über Absperrungen springen. Auf dem Zwetnoi Boulevard streifte mich dann ein Schneeball [die Demonstrierenden hatten begonnen, die Sicherheitskräfte mit Schneebällen zu bewerfen – dek]. Irgendwann wurde klar, dass sie den Zwetnoi komplett einkesseln würden, also bin ich schnell in die Maly Sucharewski Gasse, habe mich auf eine Bank gesetzt, um etwas zu trinken – und in diesem Moment kommen plötzlich von überall Silowiki und greifen sich alle, die sie kriegen können. Da bekam ich richtig Angst. An diesem Tag bin ich 24 Kilometer gerannt.
Da bekam ich richtig Angst
Am 31. Januar habe ich das gleiche gemacht, aber ich musste noch mehr laufen: Das Zentrum und die Metro waren gesperrt, die Proteste waren verteilter. Der Fotograf Iwan Kleimjonow wurde mit einem Elektroschocker angegriffen. Von mir persönlich kann ich sagen, dass ich nach diesem Tag physisch völlig fertig war – ich bin 26 Kilometer gelaufen, in den zehn Stunden hatte ich keine Gelegenheit zu essen oder mich auch nur aufzuwärmen.
An dem Tag, als Nawalnys Bewährungsstrafe umgewandelt wurde, saß ich gerade an einem Text, der gar nichts mit den Protesten zu tun hatte, doch später habe ich es nicht ausgehalten und bin mit dem Taxi zum Maneshnaja Platz gefahren. Dann passierte etwas Komisches: Der Kreml war abgesperrt, und der Taxifahrer setzte mich an einem winzigen Platz an der Manege ab. Plötzlich war ich umzingelt von Polizisten und OMON-Leuten und mit einer Grobheit konfrontiert, die ich mir nicht erklären kann. Ein Beamter kam zu mir und fragte: „Was machen Sie hier?“ Ich antwortete, ich sei zum Arbeiten dort. Meine Frage, ob ich nun die ganze Nacht mit ihm auf diesem Platz verbringen soll, bejahte er. Da ging ich zu einem der OMON-Männer und fragte, was ich jetzt tun soll. Er lachte nur und riet mir, auf der Fahrbahn zu gehen. Dazu hatte ich absolut keine Lust, ich habe sowieso schon Angst vor Straßen – doch ich hatte keine Wahl, denn gerade in dem Moment kamen zwei Gefangenentransporter auf den Platz gefahren.
Aber wenn man wegen seiner Arbeit im Gefängnistransporter landet, was soll man dagegen tun?
Da lief ein junger Mann vorbei, der in derselben Situation war wie ich. Die Einsatzkräfte – es standen mindestens fünfzig um uns herum – zückten gleichzeitig ihre Knüppel. Ich filmte die Festnahmen und lief dann bis zur Metro-Station Tschistyje Prudy. Auf dem leeren Platz davor packte mich ein Kämpfer der Nationalgarde am Arm, obwohl ich einen Presseausweis und eine Weste anhatte. Ich bereitete mich schon darauf vor, in die Haftanstalt von Sacharowo gebracht zu werden, aber er sagte schließlich, ich solle verschwinden, und ließ mich laufen. An diesem Tag gingen die Silowiki besonders hart mit den Journalisten um. Ich habe keine Erklärung dafür. Das ist einfach falsch.
Ich habe keine Angst, über friedliche Proteste zu reden, über sie zu schreiben und zu zeigen, was dort passiert. Ich halte das in gewisser Hinsicht sogar für meine Pflicht, besonders nach der Verhaftung von Sergej Smirnow. Die Arbeit von Journalisten zu behindern, verstößt gegen das Gesetz. Aber wenn man wegen seiner Arbeit im Gefängnistransporter landet, was soll man da tun? Das ist ungerecht, aber diese Ungerechtigkeit beobachten wir gerade jeden Tag, und wir dürfen nicht schweigend zusehen.
200 Tage Protest: Seit dem 9. August 2020 protestieren die Belarussen für Neuwahlen und ihre Grundrechte. Derzeit vor allem in Mini-flashmobs, bei Abendspaziergängen in kleinen Gruppen … Die großen Straßenproteste sind mittlerweile verschwunden, was vor allem an den massiven Repressionen liegen dürfte, mit denen der Machtapparat Lukaschenkos gegen jeglichen Widerstand vorgeht. Sei es gegen Journalistinnen wie beispielsweise Kazjaryna Andrejewa und Darja Tschulzowa, die kürzlich zu zwei Jahren Haft verurteilt wurden. (Sie hatten ein Live-Streaming eingerichtet von einer Gedenkveranstaltung für Roman Bondarenko, der am 11. November 2020 von maskierten Männern in einem Minsker Hinterhof zusammengeschlagen worden war und schließlich seinen Verletzungen erlag.) Sei es gegen Oppositionspolitiker wie Viktor Babariko, der bei der Präsidentschaftswahl gegen Lukaschenko antreten wollte, aktuell vor Gericht steht und dem 15 Jahre Haft drohen. Sei es gegen Musiker wie denen von der Band Rasbitaje serza pazana (dt. Das gebrochene Herz eines Homies), die für ein Privatkonzert 15 Tage Haft aufgebrummt bekamen. Sei es gegen jegliche Graffiti oder Symbolik des Protests. Die 75-jährige Iraida Misko beispielsweise erhielt eine Geldstrafe von 175 Euro, weil sie an einer „nicht genehmigten Kundgebung“ teilgenommen haben soll. Als Beweis präsentierten die Justizbehörden ein Foto von Iraida Misko, auf dem sie ein weiß-rot-weißes Lokum, eine Süßigkeit, in der Hand hält.
Menschenrechtsorganisationen wie Libereco haben ermittelt, dass seit Beginn der Proteste über 33.000 Menschen inhaftiert wurden. 266 werden aktuell als politische Gefangene geführt. 2020 wurden 477 Journalisten festgenommen. Es wurden über 1000 Fälle von Folter und Misshandlungen dokumentiert. Der Politologe Waleri Karbalewitsch analysiert, dass sich Belarus aktuell in einer tiefen politischen Krise befindet, für deren Lösung das Regime nur eine Antwort hat: Gewalt und Repressionen. Er schreibt: „Der Kult der rohen Gewalt charakterisiert sehr gut das Unvermögen des herrschenden Regimes, sich an die neue Realität anzupassen. Das Regime hat kein Narrativ für die Zukunft, außer der Erhaltung des Status quo, der auf Angst und Gewalt beruht.“ Wie es weitergeht, ist aktuell schwer zu sagen.
Aus Anlass des 200. Protesttages lassen wir die Vielfalt und Höhepunkte der Protestkultur in einem visuellen Rückblick Revue passieren. Es sind zweifelsohne Ausformungen eines historischen Selbstermächtigungsprozesses, mit dem die Belarussen nicht nur sich selbst, sondern auch die internationale Staatenwelt überrascht haben. Sie zeigen, dass die Sehnsucht der Belarussen nach Wandel nicht nur lange unterschätzt wurde, sondern auch, dass wir mehr auf dieses Land schauen müssen, dass wir Wissen brauchen, um entsprechende kulturelle und gesellschaftspolitische Codes und Entwicklungen entziffern und verstehen zu können.
Deswegen haben wir im November 2020 mit unserem Projekt begonnen: Belarus zu entschlüsseln, mit originären Texten, die wir dem deutschen Leser zugänglich machen. Dabei geht es nicht nur um die aktuelle Politik, sondern wir unternehmen auch Ausflüge in die Literaturgeschichte – wie bei der Gnose über Janka Kupala – oder in die belarussische Staatswirtschaft. Wir haben viele Glückwünsche und Lobesbekundigungen zum Start des Projekts erhalten. Sonja Zekri hat uns in der Süddeutschen Zeitung wärmstens empfohlen, das Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks berichtete ebenfalls. Seit Anfang Januar hat sich neben der S. Fischer Stiftung und der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. auch ein neuer Förderer zu uns hinzugesellt, worüber wir uns außerordentlich freuen: Das Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) wird in Kooperation mit dekoder die wissenschaftliche Begleitung und Fundierung des Projektes unterstützen. So können wir beispielsweise unser Gnosen-Programm zu Belarus entsprechend ausbauen und vertiefen – mit Jakob Reuster als Gnosenredakteur auf unserer Seite.
Wir leisten Pionierarbeit. Damit wir das Projekt „Belarus entschlüsseln“ aber insgesamt auf solide Beine stellen können, die eine Langfristigkeit garantieren, brauchen wir vor allem Eure und Ihre geschätzte Unterstützung. Im Belarussischen nennt man solch eine kollektive Untersützungsleistung talaka. Früher kam sie zum Tragen, wenn etwa die Scheune eines Bauern abgebrannt war und die Dorfbewohner halfen, sie zu reparieren oder neu zu errichten. Bei uns ist glücklicherweise nichts abgebrannt, wir wollen etwas aufbauen. Deswegen werden wir in den kommenden Wochen über die sozialen Medien mit einer speziellen Spenden- und Unterstützungskampagne auf den Belarus-dekoder aufmerksam machen. Helft uns dabei! Reicht uns weiter, schreibt und erzählt von uns, und verschenkt eine Klub-Mitgliedschaft, oder gerne auch zwei.
Die ersten 15 eingehenden Spenden, die uns aufgrund – sagen wir – ihrer durchschlagenden Überzeugungskraft fröhlich und freudig stimmen, erhalten als kleines Dankeschön die CD The Red Book of Belarusian Music. Dabei handelt es sich um die erste Compilation belarussischer Musik, die im deutschsprachigen Raum erschienen ist. Und zwar im Jahr 2006, als die Machthaber in Belarus gegen Musiker und Band vorgegangen sind: ein wirklich historisches Kulturstück also, das eigentlich längst nicht mehr erhältlich ist.
Für eure Unterstützung und Hilfe sagen wir jetzt schon: Danke und dzjakuj!
Was halten Sie von der Idee „Russland den Russen“? Auf diese Frage des Lewada-Zentrumsantwortet im August 2020 mehr als die Hälfte der Befragten positiv: Sie halten das für richtig (19 Prozent) oder schränken leicht ein „es wäre nicht schlecht, das umzusetzen, aber im angemessenen Rahmen“ (32 Prozent). Knapp ein Drittel der Befragten dagegen lehnt die Aussage ab. Danach gefragt, wie eng sie sich das persönliche Verhältnis zu Zentralasiaten (gemeint sind auch die sogenannten Gastarbaitery) vorstellen könnten, antworten nur vier Prozent, dass Zentralasiaten als Mitglieder der eigenen Familie für sie denkbar seien. Die Mehrheit findet, man sollte sie gar nicht oder nur zeitlich begrenzt nach Russland lassen.
Auch wenn zahlreiche rechtsextreme Organisationen und Publikationen in Russland inzwischen verboten sind: Wie schmal ist der Grat zwischen einer weit verbreiteten Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremer Gewalt? Das Online-Medium Batenka fordert seine Leser regelmäßig auf, eigene Geschichten zu erzählen: ungewöhnliche, traurige oder lustige. In Wie ich zum Nazi wurde gibt ein junger Russe den Batenka-Journalisten Anastasia Sadowskaja und Konstantin Waljakin zu Protokoll, wie er als Jugendlicher zum Skinhead wurde – und schließlich aus der rechtsextremen Szene wieder herausfand.
Der Text hat uns übrigens auf sprachliche Unterschiede im Russischen und Deutschen aufmerksam gemacht, die man beim Lesen wissen muss: „Faschisten“, faschisty, das sind im Russischen die deutschen Nationalsozialisten. „Nazis“, nazisty, dagegen sind nicht unbedingt deutsch, sondern das, was man im Deutschen mitunter als „Faschos“ oder „Rechtsextreme“ bezeichnet.
Als Kind hörte ich die Geschichten der Erwachsenen über den Krieg und die bösen Faschisten, aber vom Respekt vor anderen Nationen hat mir ehrlich gesagt nie jemand was erzählt. Man hat mir nicht beigebracht, dass alle Menschen gleich sind. Im Gegenteil, im Fernsehen sah ich von klein auf Reportagen über Terroranschläge kaukasischer Rebellen, und dann lief der Comedian Sadornow: Zuerst riss er Witze über die dummen Amerikaner, dann fing er von der Bühne herunter davon an, dass die Protorussen – slawische Arier – alle europäischen Länder gegründet hätten.
Mein Vater war beim Militär und hatte immer ziemlich rechte Ansichten. Nein, er ist kein Hitler-Verehrer und schmiert sich nicht mit Hakenkreuzen voll, aber er glaubt an die Einzigartigkeit der russischen Nation. Er hat in Tschetschenien gekämpft und dann noch irgendwo und war fast nie zu Hause, als ich klein war. Mich hat meine herzensgute und gebildete Mutter aufgezogen.
Meine Familie lebte in einem Moskauer Stadtteil mit vielen Armeniern und Aserbaidshanern. Und in der Nähe gab es tatsächlich vier Wohnheime für Vietnamesen. Von klein auf assoziierte ich sie mit Betrügereien und Dreck. Die nichtrussischen Kinder im Hof waren unverschämt, es gab immer wieder Konflikte. Ich erinnere mich, wie mich ein aserbaidshanischer Junge von der Schaukel schubsen wollte, und ich hab ihm eine reingehauen. Meine Großmutter, die bei mir war, hat mich damals sogar gelobt: Ich könne für mich einstehen.
Wenn man sich vorstellt, dass rechte Anschauungen ein Haus sind, dann ist die ganz alltägliche Fremdenfeindlichkeit sein Fundament. Wenn mein Alter von seinen Einsätzen nach Hause kam, dachte ich mir, es gibt auf der Welt keinen cooleren Menschen. Jedes seiner Worte war für mich eine Offenbarung. Als ich größer war, redeten wir oft über Politik. Manchmal kam ich in die Küche und blieb stundenlang dort und hörte mir an, was in unserem Land früher passiert war. Er erzählte mir, dass die Ukrainer und die Balten „Verräter“ seien und erklärte, wie wichtig es sei, stark zu sein und sein Volk und seine Heimat zu lieben. Oft lobte er Putin – dafür, dass er „es erlaubt hatte, nach Tschetschenien zurückzukehren und das Begonnene zu Ende zu bringen“.
Mein Vater erzählte mir, dass die Ukrainer und die Balten ‚Verräter‘ seien und erklärte, wie wichtig es sei, sein Volk und seine Heimat zu lieben
Mein Vater ist kein dummer Mensch. Im Gegenteil. Er ist immerhin Oberstleutnant und hat in Spezialeinheiten gedient und in Hotspots gekämpft, ohne Köpfchen hätte er das nicht überlebt. Er ist einfach in der sowjetischen Einöde aufgewachsen, unter kriminellen Halbstarken, und ist daran gewöhnt, alles mit Gewalt zu lösen.
Bis zur sechsten Klasse war ich ein lieber, aber schüchterner, verschlossener Junge. Ich habe Sport gemacht – Schwimmen und Boxen. In der Schule hatte ich nur Einsen. Habe Klavier gespielt. Doch dann kam ich auf eine neue Schule und kam mit niemandem mehr klar. Ich kam mit Gleichaltrigen überhaupt nicht zurecht, fühlte mich unsicher und wurde schnell zum Außenseiter. Bald entstanden Hass und Neid. Ich wollte, dass die anderen mich mochten, dass sie mich beachteten, besonders die Mädchen. Doch niemand wollte mich.
Mit 16 habe ich zum ersten Mal von Extremisten gehört. In Russland hatte es damals gerade Proteste am Manegenplatz gegeben. Die Bewegung war im Aufschwung. Nazis, Skinheads, Hooligans gab es haufenweise. „Russische Märsche“ fanden statt, regelmäßig auch Massenschlägereien, und die Nachrichten meldeten nationalistisch motivierte Morde.
Ich war ein Teenager, Gewalt und Aufstand fand ich total geil. Solche Sachen imponieren, vor allem, wenn du beleidigt und aggressiv bist. Aber es war auch einfach ganz normaler Protest. Der Nazi ist der Gesellschaft schlimmster Feind. Wenn man in die Suchmaschine „Tätowierungen Häftlinge“ eingibt, findet man viele Tattoos mit Hakenkreuzen. Und das nicht, weil im Knast die Naziideologie beliebt wäre. Das Hakenkreuz ist ein Attribut des Protests gegen das System.
Ich war einsam, wütend und voller Komplexe. Ich wollte was Besonderes sein, wie die durchtrainierten Schönlinge, die von allen gemocht wurden. Und ich glaubte, meine Probleme kämen davon, dass ich zu lieb war. Die tragende Säule für ein Haus aus Hass ist jugendliche Einsamkeit. Na, und die Schweißnähte an den Trägern sind die Komplexe.
Das Hakenkreuz ist ein Attribut des Protests gegen das System
Irgendwann ließ ich den Gedanken zu, dass der Nazismus vielleicht gar nicht so böse ist, wie ihn die Erwachsenen immer darstellen.
Zuerst brachte ich nur symbolische Unterstützung zum Ausdruck: Ich zeichnete Hakenkreuze, hörte Nazimusik. Doch bald schon stand ich erstmals richtig dafür ein: Ich befestigte an der Armbinde des Pausenaufsehers ein rundes Stück Papier mit aufgemaltem Hakenkreuz. Dann ging ich zusammen mit einem Freund in der Schule herum, und wir machten den Hitlergruß – das fanden wir lustig. Aber bald erwischte uns eine Lehrerin, und ich bekam bei der Kinder- und Jugendstelle der Polizei einen Eintrag – wegen Rowdytums.
Nach der Geschichte mit der Polizei flog ich von der angesehenen Schule im Zentrum von Moskau und kam in eine einfachere Schule, wo ich das Lernen komplett sein ließ. Ich ließ mir die Haare schneiden wie bei der Hitlerjugend und marschierte in Springerstiefeln, schwarzem Hemd und Hosenträgern durch die Korridore. Mehr und mehr faszinierte mich die Idee eines Rassenkrieges, davon erzählte ich in den Pausen ständig, und im Biologieunterricht hielt ich sogar mal ein Referat darüber, warum Mulatten schlechter seien als Reinrassige. Der Lehrer gab mir eine Eins, besser wäre gewesen, er hätte mich damals schon der Polizei ausgeliefert.
Zu Hause war meine Mutter entsetzt über meine Anschauungen, sie schimpfte mit mir, konnte aber nichts tun. Mein Alter hingegen nahm das alles mit Wohlwollen auf, sagte, ich trete in seine Fußstapfen. Manchmal motzte er halt über die Hakenkreuze, wiederholte, ich bräuchte andere, russische Symbole: „Das Dritte Reich – das waren Schlappschwänze“, und „die Russen sind stärker als alle anderen“. Einmal hat sich die Geschichtslehrerin beim Elternsprechtag zu beschweren versucht, dass er einen Faschisten aufziehe. Er hörte ihr zu und sagte ruhig: „Keinen Faschisten, einen Nazi. Eine Geschichtslehrerin sollte den Unterschied kennen.“
Im Biologieunterricht hielt ich mal ein Referat darüber, warum Mulatten schlechter seien als Reinrassige. Der Lehrer gab mir eine Eins
Auch unter meinen Altersgenossen wurden rechte Ideen immer beliebter. Die einen prügelten sich bei Fußballkrawallen, die anderen fanden sonstwo Anlässe, Stunk zu machen.
Meine Mitschüler begannen mich zu beachten, ich hatte jetzt Freunde. Einer trug so wie ich schwarze Hemden, wir kauften uns gemeinsam Anstecker mit Keltenkreuzen. Ich fühlte mich selbstsicherer, doch das mit den Mädchen brachte ich nach wie vor nicht auf die Reihe. Da lief irgendwie nichts, und das belastete mich sehr. Mit der Zeit begann ich zu glauben, dass mit mir etwas nicht stimmt. Einmal ertappte ich mich in der Garderobe des Schwimmbads dabei, dass ich meinen Blick nicht losreißen konnte von den nackten Jungs, wobei es mich weiterhin zu Mädchen hinzog. Ich setzte mich mit dem Thema auseinander und merkte, dass ich bisexuell bin, fand das aber alles falsch, nur konnte ich nichts dagegen tun.
Homosexualität war nirgendwo akzeptiert. Mein eigener Vater sagte, Schwule gehörten umgebracht. Ich las Naziliteratur, in der beschrieben wurde, wie die Nazis Schwule in Konzentrationslager gesteckt hatten. Mit doppeltem Eifer und doppelter Wut stürzte ich mich darauf, diesen ganzen Kram durchzuarbeiten, um in mir selbst zu vernichten, was nicht richtig war.
Ich merkte, dass ich bisexuell bin, fand das aber alles falsch
Gegen Ende der Schulzeit begann ich mit einem Kumpel die Planung einer eigenen Nazi-Organisation. Wir wollten eine auf Propaganda und direkte Aktionen spezialisierte Zelle gründen. Alle Skins verprügelten damals Nichtrussen, zur Abschreckung. Die Logik ist einfach: Angst hindert einen daran, sich zu Hause zu fühlen. Wir fanden das richtig so. Schlussendlich wären sie alle eingeschüchtert und würden abhauen, dachten wir, während wir uns nach der Schule auf der Straße herumtrieben. Wir waren eine ganz normale Gang, ein Trüppchen angefressener Halbstarker, die ein bisschen gemein waren und über die Großtaten in der Zukunft schwadronierten. Und dann begegneten wir echten Skinheads.
Wir trafen sie auf einem Platz, wo Freaks aller Art rumhingen. Ich weiß noch, wie sie näherkamen und auf mich aufmerksam wurden. Ich hatte mir an dem Tag eine Glatze rasiert. Ich trug eine Bomberjacke, Springerstiefel und ein Shirt mit dem Reichsadler. Sie taxierten mich, ich durfte mitkommen. Alle hatten eine Glatze, Bomberjacken, Doc Martens. Sehr cool, wie aus dem Bilderbuch.
Wir machten uns auf den Weg rund um den Platz – hielten Ausschau nach Nichtrussen oder Antifaschisten. Fanden auch welche. Wir fielen mitten auf der Straße im Rudel über sie her, vermöbelten einen Tadshiken und besprühten ihn mit Pfefferspray. Ich fühlte mich damals einfach unendlich stark. Die Skinheads luden mich ein, mit ihnen abzuhängen. Da waren auch Mädchen dabei. An diesem Tag war ich glücklich. Endlich hatte ich das Gefühl, dass ich gefunden hatte, was ich suchte.
Unsere Freundschaft währte nicht lange. Ein paar Wochen später brachte einer von ihnen einen Kirgisen um. Er wurde eingesperrt, und die Behörden knöpften sich unsere Gang vor. Wir alle tauchten ab und hielten die Füße still. Ich war wieder allein, aber jetzt wusste ich, was ich wollte, und begann, im Internet nach Skinheads zu suchen.
Wir vermöbelten einen Tadshiken und besprühten ihn mit Pfefferspray. Ich fühlte mich damals einfach unendlich stark
Ein paar Monate später kam einer meiner rechten Kumpel von der Armee zurück – ein Gopnik, der nach Begriffen lebte. Er trat unserer winzigen Organisation bei, und wir begannen, weitere Mitglieder anzuwerben. Wochenlang lernten wir ständig neue Leute kennen, tauschten uns aus, tüftelten daran herum, wie die Organisation funktionieren sollte, und schmiedeten Pläne. Es hatte sich schon ein ganzer Haufen Schüler und Freaks gefunden, die mitmachen wollten.
Ich war zu der Zeit mit der Schule fertig und ging zur Berufsschule. Studieren wollte ich nicht. Von klein auf hatte ich daran gedacht, Regisseur zu werden oder Drehbuchautor, aber für die Filmhochschule hatten meine Eltern kein Geld, und mein Schulabschluss war nicht so berauschend ausgefallen. Ich sah keine Perspektive, schwänzte den Unterricht und konzentrierte mich auf die Nazibewegung. Da taten sich auch Wege auf. Ich hatte für die Zukunft drei Szenarien im Kopf: Ich komme in den Knast, ich werde umgebracht oder es bricht endlich der Rassenkrieg aus. Das Gefängnis schreckte mich nicht ab: Bei Ultrarechten tragen Knastis den Ehrentitel Gesinnungshäftlinge und werden als Helden gefeiert. Für sie legen alle zusammen und schicken ihnen Päckchen ins Gefängnis. So ein Häftling zu sein, verschafft einem in der Szene ordentlich Ansehen. Deswegen wünschten sich viele ein solches Schicksal, und ich habe mir oft ausgemalt, wie ich mich verhalten würde, wenn mich das Gericht zu einer Haftstrafe verurteilt.
Ich hatte für die Zukunft drei Szenarien im Kopf: Ich komme in den Knast, ich werde umgebracht oder es bricht endlich der Rassenkrieg aus
Unsere Gang wuchs, wir bekamen immer mehr Mitglieder. Manchmal gingen wir „angeln“, wie wir das nannten. Wir suchten auf den Straßen Nichtrussen und attackierten sie. Uns schlossen sich Leute an, die ich vom Sehen schon lange kannte. Auch Skinheads aus den Vorstädten trafen wir damals. Das waren knallharte Typen. Die kauften sich Schraubenzieher und Hammer und machten sich allen Ernstes ans Ermorden von Tadshiken.
Mit bestialischem Hass droschen sie auf Nichtrussen ein. Sprangen auf ihre Köpfe, stachen mit Schraubenziehern auf sie ein. Sie machten mir Angst, aber bis zu einem gewissen Grad beneidete ich sie auch: Sie waren gnadenlos in ihrem Kampf, und ich konnte das nicht. Mir taten die Menschen leid, die wir angriffen. Da hatte wohl die Erziehung gegriffen. Es war schwer, jemanden einfach niederzuschlagen. Mir reichte es schon, jemandem einen Fußtritt zu verpassen, dass er zu Boden fiel, und wegzulaufen. Schon in der Schule hatte ich gedacht, das sei meine Weichheit und Sentimentalität – alles Zeichen von Schwäche und Feigheit. Dass alle meine Probleme daher rührten, dass ich nicht hart sein kann. Und immer wieder versuchte ich, das aus mir rauszukriegen, und es stresste mich, dass ich es auch hier nicht schaffte, in letzter Konsequenz meiner Ideologie zu folgen.
Zu diesem Zeitpunkt war ich von meiner Rolle als Organisator der Gang auf eine zweitrangige Position herabgesunken. Mein Freund aus der Armee führte eine militärische Ordnung ein: mit Disziplin, Befehlen und absolutem Gehorsam. Er war kein Unmensch, griff selbst nur selten jemanden an, aber er machte Gruppentrainings mit uns, brachte uns Nahkampftechniken bei und leitete uns zum Kraftaufbau an. Wer es wagte, seine Befehle zu überhören, bekam ein paar Schläge von den Kameraden – zur Mahnung.
Ich dachte, dass alle meine Probleme daher rührten, dass ich nicht hart sein kann
Ich konnte mich an so etwas nicht gewöhnen und weigerte mich irgendwann, seinen Anweisungen zu folgen. Das war einmal meine Organisation gewesen, ich war der Meinung, wir wären auf Augenhöhe. Da passten mich ein paar Kameraden hinter den Garagen ab und hauten mir voll in den Magen. Da beschloss ich zu gehen. Und bald zerfiel und zerstreute sich auch der Rest der Gang.
Allein blieb ich nicht. Die harten Skins aus den Vorstädten, die in unsere vorherige Gang nie aufgenommen worden waren, wurden nun meine Freunde. Wir hatten eine eigene kleine Bande, sie machten Angriffe und Aktionen, während ich weiterhin Ideen sammelte und vorantrieb und den einen oder anderen prominenten Nazi kennenlernte.
Meine Überzeugung von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges geriet erstmals ins Wanken, als ich einen der wichtigsten russischen Nazis kennenlernte – Roman Shelesnow.
Suchel, wie er in der Bewegung genannt wurde, biederten sich alle an, aber mich stieß seine Persönlichkeit von Anfang an ab: sein dämlicher, watschelnder Gang, seine Großtuerei, der Riesenwind, den er um sein Messer machte. Ständig erzählte er Schauermärchen, wie er einen Tadshiken geköpft hatte, und dauernd prahlte er damit, dass er als Arbeitsloser mit Knastvergangenheit von Abgeordneten Geld kriegt. Shelesnow machte kein Hehl daraus, dass er und seine Freunde von Leuten aus Parlamentsparteien finanziert wurden. Genauso wie der ganze Rest der Bewegung – BORN, DPNI, die Slawische Union und andere Organisationen, die als extremistisch eingestuft und jetzt auf dem Gebiet der Russischen Föderation verboten sind.
All das stand in scharfem Kontrast zu dem, was auf seiner Website stand und was er seinen Anhängern öffentlich vermittelte. Ich konnte das Bild des flammenden Orators vom Russischen Marsch nicht mit diesem Prahlhans in schicken Klamotten von Thor Steinar und Stone Island zusammenbringen.
2013 war die Bewegung im Aufschwung. Täglich entstanden neue Organisationen. Ständig fanden rechte Veranstaltungen, Konzerte und Russische Märsche statt. Auf dem regimenahen Forum Seliger versammelten sich Mitglieder der Partei Anderes Russland, die eng mit der Naziszene verbunden ist. Sie posierten dort mit Flaggen der Volksrepublik Donezk – 2013 schon, ein Jahr vor der offiziellen Gründung von Noworossija. Während ich die Bewegung von innen betrachtete und analysierte, hinterfragte ich immer öfter, was wir da tun. Mir war es immer unangenehm gewesen, Leute zu verprügeln, aber ich glaubte daran, dass das notwendig sei für die Rassenhygiene. Ich glaubte daran, dass wir eine politische Kraft sind, dass wir die Welt verändern. Als ich Verdacht schöpfte, dass die Skinheads benutzt werden, zweifelte ich immer mehr am Sinn unseres „Angelns“. Bei allem, womit ich mich beschäftigte, drängten sich mir immer mehr Fragen auf. Tatsächlich waren die Skinheads – Verteidigung und Stütze der weißen Rasse – selbst nicht die besten Vorbilder.
Für mich waren die Nazis eine Hochburg der Sittlichkeit in einer fauligen Welt. Ich glaubte, sie würden für traditionelle Werte eintreten: Familie, Kinder und so was. Doch in der Nazibewegung gab es diesbezüglich viel Scheinheiligkeit.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich im Großen und Ganzen nur mehr aus Gewohnheit dabei war, vor allem wegen meiner Freunde. Wir hatten eine gute Zeit zusammen, schworen einander ewige Bruderschaft, feierten Feste, machten einander Geschenke. Wir nannten einander Familie: Wir begingen Verbrechen, spielten Videospiele, machten zusammen Kampftraining und fuhren gemeinsam in den Urlaub.
Ich glaubte aufrichtig, sie seien meine Freunde. Ich hatte immer Sehnsucht nach ihnen. Ich dachte, es gäbe keine besseren Menschen auf der Welt, doch eines Tages brach alles zusammen.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich im Großen und Ganzen nur noch aus Gewohnheit dabei war
Es heißt, es gibt zwei Dinge auf der Welt, die das Schlimmste sind, was passieren kann: Nicht zu kriegen, was man will, und zu kriegen, was man will.
Ich träumte von einer großen, schönen Liebe. Von einem Mädchen. Und sie trat in mein Leben. Sie war auch Nazi. Ich war 19, sie 24. Sie war Witwe und hatte ein Kind. Ich liebte sie von ganzem Herzen. Wir hatten leidenschaftlichen Sex, und ich dachte, wir würden eine richtige Familie. Ihr konnte ich alles erzählen. Ich vertraute ihr an, dass ich nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer stehe. Erstaunlicherweise nahm sie das gelassen zur Kenntnis und versprach mir, mein Geheimnis für sich zu behalten. Die Möglichkeit, mich nicht zu verstecken und ganz offen zu sein, stieg mir zu Kopf. Zum ersten Mal im Leben konnte ich mich jemandem anvertrauen und war richtig glücklich. Ich ging so aus mir heraus, dass ich ihr meinen Wunsch gestand, mit einem anderen Mann zu schlafen. Ich weiß auch nicht, wie es dazu kam. Ich war wie betrunken. Stellt euch mal vor: Das ganze Leben kriegt ihr zu hören, dass etwas schlecht ist, und ihr träumt immer davon, es auszuprobieren.
Sie sagte, sie würde sich freuen für mich, und so fasste ich den Entschluss. Ich fand einen Mann außerhalb der Szene, der mit mir schlafen wollte, und machte sogar ein paar Beweisfotos. Mannomann, die Fotos waren heiß. Dagegen kann man nichts sagen. Sie meinte, sie hätte nie etwas Erregenderes gesehen, und wir unterhielten uns noch endlos lang über mein und ihr Leben.
Nach gar nicht allzu langer Zeit war meine Liebe aus meinem Leben verschwunden. Wir hatten wegen irgendeinem Quatsch gestritten und den Kontakt abgebrochen, und von gemeinsamen Bekannten erfuhr ich, dass sie einen anderen hatte. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich wieder meinen Nazisachen zu widmen, aber jetzt schon als ganz anderer Mensch.
Ich fühlte mich leer, hatte zu nichts Lust, wollte einfach alles hinschmeißen und alles überdenken, meine Gedanken ordnen. Mein Leben als Nazi machte mir keinen Spaß mehr, außerdem waren meine Eltern drauf und dran, sich scheiden zu lassen, und meine Mutter beschwerte sich über meinen Vater und jammerte, dass ich auch keine Zukunft haben würde. Ich bat sie, die Familie zu erhalten, meinen Vater nicht zu verlassen, ich liebte sie beide und versprach, mit meinem bisherigen Leben Schluss zu machen.
Mein Leben als Nazi machte mir keinen Spaß mehr
Ich sagte meinen Freunden, dass ich die Bewegung verlasse und fuhr zur Abschiedsfeier. An dem Tag hatte ich nichts Richtiges zum Anziehen gefunden. Ich hatte nur Skinhead-Klamotten. Ich hatte den Schrank durchwühlt und einen alten Mantel, Schuhe und eine dämliche Hose gefunden, die ich schon in der Schule getragen hatte. In dem Aufzug fuhr ich zum Treffpunkt, dachte darüber nach, dass es peinlich werden würde, aber wir sind Freunde und werden mit allem fertig. Ich wusste, dass sie mich verstehen würden. In erster Linie waren sie ja keine Nazis, sondern gute Menschen.
Wir trafen uns wie immer auf der Straße, eine große Schar, begrüßten einander mit Handschlag. Sie wollten in einen Hof gehen. Ich ging mit, und da fiel das ganze Rudel über mich her. Sie prügelten auf mich ein, traten mich, einer verdrehte mir die Arme auf dem Rücken, ein anderer wollte mir in mein Tattoo am Bein „Schwuchtel“ einritzen. Ich fiel in den Sand, wand mich und schrie vor Schmerz. Unter ihnen war auch dieses Mädchen. Sie hatte allen meine Fotos gezeigt, und jetzt versprachen mir meine „Freunde“, mir das Leben zur Hölle zu machen, es zu zerstören. Sie versprachen, dass diese Fotos alle meine Bekannten und Verwandten sehen würden. Und nannten mich natürlich Schwanzlutscher. Päderast. Untermensch.
Als ich nach Hause kam, lief mein Nachrichteneingang schon über vor Drohungen und Beleidigungen. Meine Nacktfotos mit dem Schwanz im Mund machten in allen Nazigangs der Stadt die Runde. Mein Nazi-Mitschüler schrieb mir, er würde mir die Eier abschneiden, wenn er mich das nächste Mal im Unterricht sieht. Einer fand sogar meine Festnetznummer raus und rief mich auch dort an.
Ich war geschockt und wusste nicht, was ich tun sollte. Ich kann mich erinnern, dass ich sofort meine Seite löschte, den Computer ausschaltete, meine Wunden mit Panthenol bestrich und einfach die Decke über den Kopf zog. So lag ich mehrere Tage. Ich zitterte, ich konnte nichts tun. Mein Leben war zu Ende. Ich wartete nur mehr darauf, dass mein Vater alles erfährt und mich umbringt.
Meine ‚Freunde‘ versprachen, mir das Leben zur Hölle zu machen, es zu zerstören
Drei Wochen verbarg ich erfolgreich vor meinen Eltern, dass ich schwänzte. Auf der Straße zu sein war furchtbar. Ich hatte immer das Gefühl, verfolgt zu werden. Zu Hause war es noch immer still. Mama war die erste, der ich alles in allen Details erzählte. Sie war entsetzt, aber ließ sich eine Version für den Vater einfallen: Wir erzählten ihm, dass sie mich in Verruf bringen wollten, weil ich die Nazigang verlassen hatte. Deswegen hätten meine ehemaligen Freunde Fotos von mir genommen und mir einen Schwanz in den Mund gephotoshoppt. Mein Vater ist bei den Spezialeinheiten. Ich glaube nicht, dass er diesen Unsinn glaubte. Eher hat er alles ganz und gar durchschaut – aber wollte unsere Version einfach glauben.
Die Ausbildung habe ich abgebrochen. Mein Alter schimpfte mich einen Feigling und bestand darauf, dass ich zur Armee ging und endlich „ein richtiger Mann“ werde. Ich hatte nichts dagegen: Irgendwo musste ich schließlich anfangen. Nach der Grundausbildung wurde ich nach Armenien geschickt, auf die russische Militärbasis, wo mein Freund früher gedient hatte.
Als ich zurückkam, sann ich auf Rache, wollte sogar Ermittler werden, um sie alle einzusperren. Aber das Leben schaffte es auch ohne mein Zutun. Die einen kamen ins Gefängnis, andere in die Irrenanstalt, die dritten wurden im Donbass zu Dünger. Na ja, und alle anderen haben kein Leben mehr, sondern fristen ihr Dasein. Was auf dem Maidan geschah, hat die Nazibewegung in zwei feindliche Lager gespalten. Und im Donbass sind sie Stirn an Stirn aneinandergekracht, haben einander niedergemetzelt, der eine auf der einen, der andere auf der anderen Seite der Front. Wieder andere wurden im Zuge der Nazi-Razzien 2015 bis 2017 eingesperrt. Die Machthaber brauchten keine Nazis mehr und wollten sie schnell loswerden.
Einst hatte ich geglaubt, die Nazis seien eine riesige, starke Bewegung mit sehr vielen Anhängern. In Wirklichkeit sind sie eine Bande von Außenseitern. Zahlenmäßig schwach und machtlos. Eine Hetzjagd innerhalb so kleiner Gruppen, in denen sowieso nie mehr als 500 Leute sitzen, nehme ich nicht ernst und ist nicht das Ende meines Lebens. Allerdings habe ich nach diesem Mädchen nie wieder jemandem vertraut. Vertrauen fällt mir jetzt schwer, meine Vorsicht grenzt an Paranoia, und ich kann mich nicht mal wirklich nahen Menschen gegenüber öffnen. Aber im Großen und Ganzen ist das alles, was ich von jenem Leben mitgenommen habe. Sogar mein Tattoo habe ich überdeckt, jetzt ist über dem Symbol schwarze Farbe.
Ich bin durchaus ein glücklicher Mensch, habe Geld und Pläne für die Zukunft. Vor der Pandemie bin ich sogar durch Europa gereist. Ich hatte schon viele verschiedene Jobs. Ich war Ladearbeiter in einer Brotfabrik, Verkäufer beim Mobilfunkanbieter MTS, Werbetexter und Schweißer auf einer Baustelle. Jetzt schreibe ich Drehbücher. Meine politischen Ansichten sind, wie Krowostok singen: „Keine Freiheit für Feinde der Freiheit.“
Gestern [am 17. Februar] begann in Minsk der Prozess gegen Viktor Babariko, der 2020 als Präsidentschaftskandidat bei den Wahlen antreten wollte. Der populäre Gegenspieler Alexander Lukaschenkos wurde bereits im Vorfeld des 9. August 2020 festgenommen. Dem ehemaligen Chef der Belgazprombank werden Korruption und Geldwäsche vorgeworfen. Kritiker werten den Prozess als politisch motiviert.
Bereits vor zwei Wochen waren zahlreiche Bankiers und Geschäftsleute in Belarus festgenommen worden. Möglicherweise zielen die Machthaber mit Repressionen nun auch auf den privatwirtschaftlichen Sektor des Landes.
In Belarus ist die ausgeprägte Staatswirtschaft ein bedeutendes Herrschafts- und Kontrollinstrument für den Machtapparat Lukaschenkos, wie der bekannte Ökonom Roland Götz in seiner Gnose zum Thema erklärt. Tiefgreifende Reformen der Staatsunternehmen sind also kaum denkbar, was auf der Allbelarussischen Volksversammlung, die am 11. und 12. Februar 2021 in Minsk stattfand, einmal mehr bestätigt wurde. Premierminister Roman Golowtschenko erteilte umfassenden Reformvorhaben eine Absage.
Jеkaterina Bornukowa, akademische Direktorin des BEROC, seziert in einer aktuellen Analyse für das belarussische Medium Onliner.by, die offiziellen Wirtschaftsprognosen. Und sie fragt sich, woher die belarussischen Autoritäten ihren Optimismus hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung nehmen.
Das angebrochene und das vergangene Jahr sehen wirtschaftlich bei Gott nicht rosig aus. Die ganze Welt hat schon zu spüren bekommen, wie die Einkommen sinken und die Arbeitslosigkeit wächst. Oft ist zu hören, dass die Folgen der Pandemie mehr als ein Jahr zu spüren sein werden. Laut Prognosen des IWF wird das weltweite Wirtschaftswachstum kontinuierlich sinken: Von 5,2 Prozent in der Erholungsphase des Jahres 2021 auf 3,5 Prozent in 2025.
Schon zum wiederholten Mal macht die belarussische Regierung in diesem Chor allgemeinen Trübsinns und Pessimismus eine Ausnahme. Kurz: Zum Jahr 2025 ist ein Einkommenszuwachs von 20 Prozent geplant, das Bruttoinlandsprodukt soll um 21,5 Prozent steigen, die Arbeitsproduktivität in der Industrie um den Faktor 1,3.
Das soll jetzt kein motivierendes Mantra sein, um das Übel der an vielen Krankheiten leidenden belarussischen Wirtschaft schönzureden, sondern es sind ernsthafte Prognosen, die auf höchster Ebene erstellt wurden. Deswegen sehen wir uns einmal genauer an, was sich hinter diesen Zahlen verbirgt und wie derart beeindruckende Werte erreicht werden sollen.
Unternehmen kommen nicht nach Belarus, sie verlassen das Land
Gehen wir die wesentlichen Punkte einmal durch: In den vergangenen fünf Jahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt in Belarus um 3,5 Prozent. Ich möchte das noch einmal unterstreichen: nicht im letzten Jahr, sondern in den letzten fünf Jahren zusammen. Natürlich waren es nicht die glücklichsten für die belarussische Wirtschaft, am Anfang stand das Krisenjahr 2016, am Ende das krisengezeichnete 2020. Aber wer garantiert denn, dass es in Zukunft besser wird? Derzeit gibt es wenig Anlass für Optimismus, weder auf weltwirtschaftlicher noch auf belarussischer Ebene. Doch unsere Regierung prognostiziert bis 2025 mutig ein Wachstum des BIP von 21,5 Prozent.
Schauen wir uns die Jahre einzeln an: Dieses Jahr soll das Wachstum des BIP bescheidene 1,8 Prozent betragen, was unter gewissen Umständen möglich ist; denn diese prognostizierte Wachstumsbeschleunigung ist geringer als der weltweite Durchschnitt und niedriger als im benachbarten Russland. Für 2022 erwartet man schon ein Wachstum von 2,9 Prozent, und für 2023 von 3,8 Prozent (Nochmal: Das ist so viel, wie wir in den Jahren 2016 bis 2020 geschafft hatten.) 2023 soll das Wachstum sogar bei 5,4 Prozent liegen und 2025 bei ganzen 6 Prozent.
Völlig unrealistisch sind diese Prognosen nicht – man könnte sie erzielen, doch nur unter der Voraussetzung von tiefgreifenden Strukturreformen. Wir alle kennen die Länder, in denen die Wirtschaft solche überbordenden Sprünge macht. Ich wäre stolz, würde auch Belarus dazugehören. Aber ich bin mir dessen bewusst, dass es dafür Veränderungen braucht, die seit Jahrzehnten fällig sind. Man muss das Fundament für solche hochgesteckten Ziele sofort, schon heute legen. Aber bislang deutet nichts auf Absichten in dieser Richtung hin.
Der nächste Punkt: Das real verfügbare Einkommen der Bevölkerung soll um 20 Prozent steigen. Dieser Wert lässt sich nicht isoliert betrachten. Er hängt unmittelbar vom Wachstum des BIP ab. Dementsprechend lässt auch er sich nur erzielen, wenn zuvor grundlegende Veränderungen stattfinden, für die es keinerlei Anzeichen gibt. Der Wachstumswert für das Einkommen der Bevölkerung in dieser Höhe ist also sehr hypothetisch.
Was haben wir noch? In den letzten fünf Jahren sind die Investitionen in Anlagevermögen um 8,6 Prozent gesunken, wobei die Regierung plant, dass sie bis 2025 um 22 Prozent ansteigen.
Was rechtfertigt derartige Annahmen eines Investitionswachstums, während wir beobachten, wie das Land aufgrund der politischen Krise, der Wirtschaftssanktionen und der Nichteinhaltung von Verpflichtungen gegenüber der wirtschaftlichen Akteure an Attraktivität für Investoren verliert? Die Privatwirtschaft investiert schon heute weniger, und die Prognosen für die nächste Zukunft fallen pessimistisch aus. Unternehmen kommen nicht nach Belarus, sondern verlassen massenhaft das Land.
Die Abwanderung der Arbeitskräfte wird weiter zunehmen
Man könnte natürlich annehmen, dass das Wachstum durch staatliche Investitionen zustande kommen soll, die dementsprechend vermutlich in den Staatssektor fließen würden. Aber das hatten wir schon mehrfach: Solche Investitionen sind nicht effizient, sie führen zu finanziellen Problemen in den Unternehmen, die sich dann später im allgemeinen Wirtschaftszustand des Landes, in Inflation und Währungsverlust niederschlagen.
Die nächste lautstarke Prognose: Die Arbeitsproduktivität in der Industrie soll um den Faktor 1,3 ansteigen. Das wäre tatsächlich leicht zu erzielen, man müsste nur die Arbeitsstellen in den Staatsunternehmen streichen, die unwirtschaftlich sind. Sogar wenn nur die unwirtschaftlichen Unternehmen aufgelöst würden, stiege die durchschnittliche Arbeitsproduktivität im Land schon beträchtlich. Aber offensichtlich sind derlei Maßnahmen nicht vorgesehen. Es bleibt also unklar, wie die Ergebnisse ohne einen Richtungswechsel erzielt werden sollen.
Der nächste Punkt: Zum Jahr 2025 soll die Arbeitslosigkeit bei höchstens 4,2 Prozent liegen. Wenn wir die Krise überwinden und uns keine neue „einfangen“, ist das realistisch. Die Arbeitgeber können ihre Angestellten ohne weiteres entlassen, deswegen haben sie auch keine Hemmungen jemanden zu beschäftigen. Das gewährleistet einen flexiblen Arbeitsmarkt, senkt aber das Niveau der sozialen Sicherheit der Angestellten. Sogar während der Krise lag die höchste Arbeitslosenquote bei 7 Prozent. Hinzu kommt die Abwanderung von Fachkräften ins Ausland, die nach der Pandemie wahrscheinlich weiter zunehmen wird. Die Rechnung ist also denkbar einfach: Es wird immer mehr freie Stellen und weniger Bewerber geben – wie sollte die Arbeitslosigkeit da steigen?
Zeit für rhetorische Fragen: Woher kommen solche Prognosen? Wozu braucht man sie? Ich versuche sachlich zu antworten. Als Richtwert, den man anstrebt, ist eine Prognose sinnvoll und vernünftig. Ohne Planung geht es nicht. Aber zum Erfolg gehört ein zweiter Faktor: die Fähigkeit, exakt zu kalkulieren, was für die Umsetzung notwendig ist. Aber am wichtigsten ist ein dritter Faktor: der Wille, das Geplante umzusetzen.
Kein Wachstum ohne tiefgreifende Reformen
Unsere Regierung versteht sich zwar auf Optimismus und hohe Ziele, oft gelingt sogar die Wahl der notwendigen Mittel, doch bei der Umsetzung hapert es.
In den letzten fünf Jahren gab es viele Pläne, richtige und kluge Entwürfe, doch umgesetzt wurde so gut wie nichts. Reformen in den Staatsunternehmen waren geplant, doch es geschah nichts. Es war die Rede von einer Abkehr von staatlichen Krediten, doch sie nahmen im letzten Jahr sogar noch zu. Die Reduzierung von Subventionen in der Wohnungs- und Kommunalwirtschaft waren geplant, doch sie bestehen nach wie vor. Deswegen gehe ich davon aus, dass die Regierung auch heute genau weiß: Ohne eine Lösung der politischen Krise und tiefgreifende Reformen im Staatssektor wird es kein Wachstum geben. Doch dazu findet sich in dem Programm kein Wort.
Zusammengefasst: Ich habe große Zweifel, dass sich ohne grundlegende Veränderungen auch nur ein Teil der prognostizierten Zahlen erzielen lässt. Das Traurigste ist, dass wir das Rezept für umfassende und wirksame Veränderungen all die Jahre direkt vor uns hatten. Aber es wird sich wohl kaum etwas ändern, solange man die für Belarus typische faule Ausrede ernst nimmt, dass die Rezepte für eine Gesundung der Wirtschaft, die in vielen anderen Ländern erfolgreich zur Anwendung kamen, für uns nicht gelten, weil sie unserem „einzigartigen“ Weg und den „Besonderheiten“ unserer Region nicht gerecht werden. Worin diese Einzigartigkeit und Besonderheit bestehen, weiß keiner so genau. Warum? Weil es sie nicht gibt.